Die 'Wahltarife Krankengeld' der gesetzlichen Kassen

Die gesetzlichen Krankenkassen sind verpflichtet, Wahltarife für ein Krankengeld für alle anzubieten, die keinen automatischen Anspruch auf das gesetzliche Krankengeld haben. Manche Kassen bieten solche Tarife zusätzlich, andere alternativ (und dann in der Regel deutlich teurer) zum Normaltarif an, der einen Krankengeldanspruch vom 43. Krankheitstag an sichert. Und so gibt es nun eine bunte Vielfalt von ”Wahltarifen Krankengeld”, nämlich

  • für unständig Beschäftigte,
  • für befristet Beschäftigte, z.B. "auf Produktionsdauer" mit Verträgen über höchstens vier Wochen,
  • für freiwillig versicherte Selbstständige,
  • für über die KSK versicherte Künstlerinnen und Publizisten,

und das mit einer Vielzahl von Zahlungsterminen, nämlich

  • ab dem 1. Krankheitstag (nur für unständig Beschäftigte),
  • ab dem 15. Krankheitstag (für KSK-Versicherte muss dieser Starttermin angeboten werden),
  • ab dem 22. Krankheitstag (das ist der übliche Starttermin für freiwillig Versicherte und unständig Beschäftigte), oder, wie beim gesetzlichen Krankengeld,
  • ab dem 43. Krankheitstag oder noch später, z.B. ab dem 92. Krankheitstag.

Dass man letztere Wahltarife nach Einführung der Wahlerklärung im §44 SGB V (Absatz 2, 2.), mit der sie eigentlich überflüssig geworden sind, nicht wieder gestrichen hat, scheint vor allem ideologische Gründe zu haben: Das solidarisch finanzierte Krankengeld ist im neoliberalen Weltbild eine ”versicherungsfremde Leistung”, die man möglichst bald aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung streichen sollte. Die Wahltarife sind ein logischer Schritt dahin.

Nachdem etliche der zunächst vorgelegten Wahltarife nach Alter und Geschlecht differenziert und daher insbesondere für ältere Frauen kaum erschwinglich waren, hat der Gesetzgeber sich besonnen und bestimmt, dass diese Wahltarife einheitliche Prämien enthalten müssen – unabhängig von Alter, Geschlecht und individuellem Krankheitsrisiko. Erlaubt ist allerdings weiterhin, dass diese Wahltarife vom Standard des gesetzlichen Krankengeldes abweichen, indem z.B. die maximale Zahlungsdauer verkürzt wird (in der Praxis werden statt der gesetzlichen Höchstdauer von 78 Wochen manchmal nur 52 oder gar 26 Wochen angeboten), und das Krankengeld auf weniger als 70 Prozent vom Bruttoeinkommen festgesetzt wird. Wer Tarife vergleichen will, sollte hier also sehr genau hinschauen! Als Richtgröße sollten dabei die 0,6% vom versicherungspflichtigen Einkommen dienen, mit deren Zuzahlung man – alternativ zu einem Wahltarif – ebenfalls einen Anspruch auf das volle gesetzliche Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag erwerben kann. Ist der Wahltarif teurer, ist er zu teuer.

Die Krankenkassen ändern ihre Tarife häufig, so dass wir keine dauerhafte Empfehlungen abgeben können. Aktuellen Tarifvergleiche finden sich aber in der Regel auf den Internetseiten der Stiftung Warentest. In den eigenen Vergleich kann man durchaus auch Krankentagegeldtarife privater Versicherungen einbeziehen. Die können in einzelnen Fällen günstiger sein als ein Wahltarif – zumindest wenn man sie schon in jungen Jahren abschließt. Günstiger als der 0,6-Prozent-Aufschlag zum Normaltarif dürften sie allerdings selten sein. Als die Stiftung Warentest Ende 2018  Krankengeld-Wahl­tarife verglichen hat, hat sie erhebliche Differenzen festgestellt. - Es kann sich also vor Abschluss eines Wahltarifs lohnen auch 2,50 € für diesen Wahltarife-Test (oder 1,50 € für den  KSK-Wahltarife-Test) zu inverstieren. (Einen generellen Krankentagegeld-Test für 1,50 € hat die Zeitschrift bereits ein halbes Jahr vorher veröffentlicht.)

Auf keinen Fall sollten Selbstständige eine ”Rentabilitätsrechnung” anstellen nach dem Muster: Wie lange muss ich jedes Jahr mindestens krank sein, damit sich die Versicherung ”rechnet”? Das ist bei einem Wahltarif für ein vorgezogenes Krankengeld durchaus vernünftig, aber nicht für die Grundsatzentscheidung ”Krankengeld Ja oder Nein”: Das Krankengeld soll vor allem lang anhaltende und chronische Erkrankungen absichern, und vor denen ist niemand sicher. Dass es dann in den ersten sechs Wochen nichts gibt, ist nicht so gravierend. Existenzrettend sind bei einer schweren Erkrankung aber oft die 78 Wochen Krankengeld, die danach kommen.

Vier grundsätzliche Nachteile der Wahltarife

  • Zum einen muss, wer so einen Tarif abschließt, sich damit für drei Jahre an seine Krankenkasse binden (statt 18 Monate wie bei der allgemeinen gesetzlichen Krankenversicherung). Und auch die Sonderkündigungsmöglichkeit ohne Frist in dem Fall, wo die Kasse einen Zuschlag zum gesetzlich festgelegten Beitrag erhebt, entfällt damit.
  • Zum anderen gibt es in der Regel eine Karenzzeit: Wer so einen Wahltarif abschließt, muss zunächst einmal einen bis fünf, bei manchen Kassen sogar sechs Monate warten (und bezahlen!), bis er krank werden darf und tatsächlich Krankengeld bekommt. Wie das bei der eigenen Kasse genau geregelt ist, steht in ihrer Satzung.
  • Zum Dritten ist das Krankengeld aus den Wahltarifen, das grundsätzlich steuerfrei ist, dem Progressionsvorbehalt unterworfen. Das war nach der Einführung umstritten, wurde dann aber vom Bundesfinanzhof bereits Ende 2008 entschieden (AZ X R 53/06). Bei einem Vergleich mit privaten Krankentagegeldversicherungen, die nicht dem Progressionsvorbehalt unterliegen, muss das berücksichtigt werden.
  • Überproportional teuer wird das Krankengeld schließlich - wie auch die Krankenkassenbeiträge - für gering verdienende Selbstständige, die einen Wahltarif als freiwillig Versicherte abschließen. Auch hier gilt ein angenommenes Mindesteinkommen. Das aber führt zu Beiträgen, die für das Krankengeld prozentual weit höher liegen, als der nominelle Aufschlag. Gleichzeitig darf das Krankengeld nicht höher ausfallen, als 70 % des tatsächlichen Gewinns. - Das fiktive Einkommen auf dessen Grundlage die Tarife mindestens berechnet werden, lag lange weit über 2.000 €, ab dem Jahr 2019 sinkt es auf gut 1.040,00 €.

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