Berufsunfähigkeit versichern

Für die Verbraucherzentralen ist dies die wichtigste Versicherung für Selbstständige: Während ein vorübergehender Verdienstausfall bei Krankheit meist irgendwie zu überbrücken ist, kann Berufsunfähigkeit durch Krankheit oder durch einen Unfall ein ganzes Leben (und eine Familie) ruinieren. Wer glaubt, hier schon gut abgesichert zu sein, sollte Folgendes bedenken:

  • Die Berufsgenossenschaft zahlt ihre Invalidenrente nur nach beruflichen Unfällen und bei Berufskrankheiten;
  • die private Unfallversicherung zahlt nur nach Unfällen, nicht aber bei Krankheiten;
  • die Krankenkassen und Krankentagegeldversicherungen stellen ihre Zahlungen ein, sobald feststeht, dass es sich nicht um eine vorübergehende Krankheit, sondern um eine dauerhafte Berufsunfähigkeit handelt.
  • Wer in der gesetzlichen Rentenversicherung ist: Die zahlt zwar auch bei Erwerbsunfähigkeit, aber deutlich weniger als die normale Altersrente. (Und für alle nach 1960 geborenen oder jene, die erst nach 2000 in die Rentenversicherung eingetreten sind, gibt es dort keine Berufsunfähigkeitsrente mehr, sondern nur noch die Erwerbsunfähigkeitsrente.)

Nur in sehr wenigen Branchen bekommen arbeitnehmerähnlich Selbstständige einen Schutz bei Berufsunfähigkeit (BU) über ihre Auftraggeber. Daher gilt: Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung (BUV) oder die Versicherung von Grundfähigkeiten ist für nahezu alle Selbstständigen sinnvoll. Und zwar als eigenständige Versicherung. Auch wenn einige Versicherer weiterhin Rabatte anbieten, wenn die BUV mit einer Renten- oder Lebensversicherung gekoppelt wird: Von diesem früher beliebten Modell raten Versicherungsfachleute und Verbraucherzentralen inzwischen ab. Diese Kombimodelle sind meist intransparent und wesentlich teurer als eigenständige Versicherungen.

Haken und Ösen bei einer BU-Versicherung

Grundsätzlich ist bei privaten Berufsunfähigkeitsversicherungen Vorsicht angebracht: Mit einer Klausel zur sogenannten Verweisung kann ein Versicherer die Zahlungen komplett verweigern oder zeitweise aussetzen. Eine konkrete oder abstrakte Verweisung dient grundsätzlich immer dazu, die Leistungsansprüche einzuschränken. Bei einer Klausel, die eine konkrete Verweisung regelt, muss die Versicherung zahlen, wenn die Versicherte tatsächlich keine Beschäftigung mehr findet. Die abstrakte Verweisung hingegen regelt, dass es reicht, wenn eine BUV auf eine potenzielle Berufstätigkeit der Versicherten hinweist – egal, ob sie in dem genannten Job tatsächlich einen Job findet und Einkommen erzielt.

In beiden Fällen der Verweisung darf allerdings nicht auf jeden beliebigen Beruf verwiesen werden: Der genannte Job muss, so die üblichen Klauseln, geistig und körperlich zumutbar sein sowie nach Einkommen, Wertschätzung und Qualifikation der versicherten Tätigkeit vergleichbar sein. Wie solche Verweisungsklauseln im Einzelfall zu interpretieren sind, ist einer der häufigsten Streitpunkte zwischen BU-Versicherern und BU-Versicherten. Hierzu hat der Bundesgerichtshof Ende 2017 im Urteil IV ZR 11/16 zusammengefasst und konkretisiert: "Eine Vergleichstätigkeit ist dann gefunden, wenn die neue Erwerbstätigkeit keine deutlich geringeren Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert und in ihrer Vergütung sowie in ihrer sozialen Wertschätzung nicht spürbar unter das Niveau des bislang ausgeübten Berufs absinkt". Der Versicherer kann sich dabei nicht allein darauf berufen, dass in einem anderen Beruf höhere Einkommen erzielt werden, denn ein Versicherter darf nicht "'unterwertig', also seine frühere Qualifikation und seinen beruflichen oder sozialen Status unterschreitend, beschäftigt sein".

Klar, dass insbesondere Ältere, die schwerer eine neue Erwerbstätigkeit finden, keinen Versicherung mit abstrakter Verweisung abschließen sollten und es für Selbstständige besonders schwer ist, die Diskussionen um theoretische Erwerbsmöglichkeiten und das Niveau des bislang ausgeübten Berufs durchzustehen. Schließlich brauchen die Versicherungen selbst dann, wenn die abstrakte Verweisung ausgeschlossen ist, nicht in jedem Fall der Berufsunfähigkeit zahlen. Sie können zum Beispiel verlangen und tun das regelmäßig in ihren Versicherungsbedingungen, dass Selbstständige den Betrieb so umorganisieren, dass die Tätigkeiten, die sie selbst nicht mehr ausüben können, anders, etwa durch Angestellte, erledigt werden. Eine solche Umorganisation, entschied das Oberlandesgericht Koblenz am 27.3.2009 (Az. 10 U 1367/07) zugunsten  eines Programmierers, der wegen Depression, Schmerzen und psychovegetativen Störungen nicht mehr in seinem Beruf arbeiten konnte, kann nicht verlangt werden, wenn die Neuaufstellung des Betriebs mit "unwirtschaftlichen Ausgaben" verbunden ist und wenn dem Selbstständigen kein "ihn ausfüllender Tätigkeitsbereich" verbleibt. Die BUV muss demnach Solo-Selbstständigen die Rente zahlen, wenn "eine Umorganisation des Einmannbetriebes, die dem Kläger noch eine sinnvolle, nicht nur Zeit füllende Betätigung lässt, nicht möglich ist". Besser ist es, solche langwierigen Streitigkeiten erst gar nicht aufkommen zu lassen: Es gibt bei einigen Versicherern die sinnvolle Klausel, bis zu einer bestimmten Anzahl von Mitarbeitern auf die Prüfung zu verzichten, ob eine der Umorganisation möglich ist.

Allerdings: Im Einzelfall ist nicht sicher, dass auch die Selbstständigkeit fortgesetzt werden kann. Grundsätzlich darf eine BUV nämlich auch auf eine angestellte Tätigkeit verweisen, wie der BGH 2016 erneut bekräftigte. Der Wechsel aus einer selbständigen in eine abhängige Tätigkeit allein schließe die Verweisbarkeit nicht aus, heißt es im Urteil (Az: IV ZR 502/15), sondern es bedürfe "einer auf den Einzelfall abgestellten Wertung, ob mit der neuen Tätigkeit ein spürbarer sozialer Abstieg verbunden ist. Nicht der einzige, aber ein nicht zu vernachlässigender Bewertungsfaktor ist hierbei die Verdienstmöglichkeit".

Alternativ: Grundfähigkeiten versichern

Als Alternative zu einer BUV haben viele Versicherer eine Grundfähigkeitsversicherung im Portfolio. Deren Bedingungen dieser Risikoversicherung sind im Detail sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen, dass sie weniger umfassend als die BUV, dafür aber günstiger sind. Nicht zuletzt, weil Vorerkrankungen weniger stark auf die gesamte Versicherung durchschlagen. Und da sich diese Versicherung nicht auf die Einschränkung der beruflichen Tätigkeit insgesamt bezieht, spielen hier die Themen Verweisung und Unternehmens-Umorganisation keine Rolle. Versichert wird hierbei konkret der Ausfall v0n einzelnen (oder mehreren) Grundfähigkeiten. Ein Anspruch auf vertraglich festgelegte monatliche Zahlungen entsteht daher, wenn eine im Vertrag definierte Fähigkeit, etwa die, eine Tastatur zu benutzen, ausfällt. Übliche Basis-Versicherungen umfassen bei diesem Versicherungstyp den Ausfall elementarer Fähigkeiten wie Hören, Sitzen und Greifen, gegen höhere Prämien können zusätzlich weitere und spezielle Fähigkeiten abgesichert werden.

In der Regel wird die Leistung fällig, sobald ein ärztliches Attest belegt, dass die versicherte Fähigkeit mindestens ein Jahr lang ausfällt. Anders als bei der vollen BU-Versicherung darf dann bei vollem Leistungsbezug unbeschränkt jede andere Tätigkeit ausgeübt werden. Bei den Versicherungsmöglichkeiten und damit auch bei den Tarifen gibt es eine hohe Spannbreite nicht nur bei der Art und Anzahl der versicherten Fähigkeiten. So kann beispielsweise auch die Rentenzahlung auf ein Maximalalter begrenzt werden, um im Vergleich zur lebenslangen Auszahlung Prämien zu sparen. – Insgesamt ist die Versicherung der Grundfähigkeiten eine im Vergleich zur Vollversicherung der Berufsunfähigkeit (BU) eine günstigere Risikoversicherung mit entsprechenden Einschränkungen bei der Risiko-Abdeckung.

Aktuelle Beratung zu den sich häufig ändernden Angeboten, die Folgen einer Berufsunfähigkeit abzusichern, bieten die Verbraucherzentralen, bei der Stiftung Warentest finden sich regelmäßig aktuelle Vergleiche zu den verschiedenen Angeboten zur BUV und Grundfähigkeitsversicherung. Tarifrechner, mit denen die Optionen und Kosten eigene Versorgungslücken zu schließen zu recherchieren sind, findet man auf den Webseiten vieler Versicherungen, Vergleichsportale und bei unabhängigen Versicherungsvermittlungen.


  Link zu dieser Seite.Seite drucken