Rentenversicherung und Altersvorsorge

Das Prinzip der Altersvorsorge in Deutschland hieß bei ihrem Entstehen: Selbstständige sorgen privat für das Alter vor; abhängig Beschäftigte sind in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert. Viele glauben, dass dieser antiquierte deutsche Sonderweg naturgesetzlich sei, inzwischen ist er aber schon durch eine Unzahl von Sonderregelungen durchlöchert worden. Ein einheitliches Altersvorsorgesystem für alle Erwerbstätigen würde diese wohl überflüssig machen, aber zurzeit sorgen die Sonderregeln dafür, dass alle Selbstständigen sich in nahezu beliebige Kombinationen von

vorsorgen können. Die gesetzliche Rentenversicherung als Basisversicherung ist allerdings für eine zunehmende Zahl von Selbstständigen zur Pflichtversicherung geworden. Und für Mitte 2020 wird ein Gesetz (zumindest ein Entwurf) zur Altersvorsorgepflicht für alle Selbstständigen (voraussichtlich ab 2021) erwartet.

In welchem System die eigene Vorsorge am besten betrieben wird, ist ein Stück weit eine Lebensentscheidung. Ein Wechsel zwischen den Systemen ist im Prinzip möglich, aber zurzeit eigentlich immer mit Nachteilen und Verlusten verbunden. Das liegt auch daran, dass es eben einen fundamentalen Unterschied zwischen einem Umlagesystem und einem kapitalgedeckten Modell gibt. Auf dem Umlageprinzip oder  Generationenvertrag basiert die gesetzliche Rente – wer derzeit einzahlt bringt die Mittel für die Rentnerinnen und Rentner auf. Alle anderern Modelle funktionieren wie ein Sparbuch oder auch ein Investment.

Altersvorsorge: gesetzlich oder privat?

Niemand weiß, wie in Jahrzehnten die gesellschaftliche Wertschöpfung, die Konjunktur und die Kapitalmärkte aussehen werden. Daher ist eine sichere Vorhersage oder individuelle Anlageempfehlung schlicht nicht möglich. Zudem ist die Entwicklung der Alterssicherung hochgradig von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig. Deshalb müssen wir bei diesem Systemvergleich ausnahmsweise stärker gesellschaftspolitisch argumentieren und vorab gestehen: Es ist für uns schwer vorstellbar, dass sich eine Gesellschaft, in der für fast 85 Mio. Einwohner die Vorsorge zu organisieren ist, dazu entscheidet, die Verantwortung, alte und arbeitsunfähige Mitbürger zu versorgen, der Entwicklung der Kapitalmärkte unterordnet.

Der Vergleich zwischen dem gesetzlichen System und privaten Versicherungen und Anlagen ist generell nur bedingt tauglich. Bei der Vorsorge geht es nicht nur um individuelle Vorteile, sondern auch um Grundsatzfragen der Vermögensverteilung, Erwerbseinkommen und gegenseitiger gesellschaftlicher Verantwortung. Wer bei der Rentenversicherung nur darauf schaut, dass die eigene Rendite stimmt, muss wissen, dass so eine gesamtgesellschaftliche Altersvorsorge nicht funktionieren kann. Daher muss bei der Frage des Vorsorgesystems jeder und jede Einzelne nicht nur die Risiken der Vorsorgesysteme abwägen, sondern auch ein Stück weit eine Entscheidung zwischen Egoismus und Gemeinsinn treffen. Je krisenhafter sich das Wirtschaftssystem erweist, um so deutlicher treten die Vorteile des kollektiven, gesellschaftlichen Versicherungssystems hervor, dass ohne Renditeerwartungen der Kapitalgeber und hohe Abschlusskosten auskommt. Wer  nur auf hohe Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung schaut, übersieht oft die Basisfakten:

  • Jede Form der seriösen Altersvorsorge, egal ob im Umlagesystem oder individuell angelegt ist sehr teuer. Erstaunlich viele Selbstständige rechnen sich nicht einmal überschlägig aus, wieviel Kapital eine Altersvorsorge bindet. Egal in welcher Form die Vorsorge betrieben wird. Wer sich selbst beispielsweise 15 Jahre lang monatlich 1.000 € auszahlen will, muss dafür – Zinsen und Inflation lassen wir mal außen vor – 20 Jahre lang monatlich knapp 400 € (oder 40 Jahre 200 €) ansparen oder zum Beginn der Auszahlung 180.000 € auf der hohen Kante haben. Wer jetzt glaubt, mit 200 € pro Monat schon auf der sicheren Seite zu sein, sollte sich die 40 Jahre noch einmal auf der Zunge zergehen lassen und wissen, dass da beispielsweise in 20 Jahren gerade mal genug Geld für 15 Jahre monatliche Auszahlungen von rund 266 € zusammenkommen.
    Es gibt ja interessierte Kreise, die mit Blick auf eine DIW-Studie aus 2016 behaupten, die meisten Selbstständigen würden ausreichend vorsorgen. Entsprechend wurde auch mit "Die allermeisten Selbständigen betreiben Altersvorsorge oder haben Vermögen" eine Überschrift gewählt, die Entwarnung suggerieren soll. Tatsächlich ist der dort zusammengefasste Studienbefund eher erschreckend: "Von denjenigen Personen, die nicht an einer gesetzlichen Rentenversicherung teilnehmen, verfügen knapp zwei Drittel über ein Immobilien-, Geld oder Anlagevermögen von mindestens 100 000 Euro, und etwa 40 Prozent sogar über ein Vermögen von mindestens 250 000 Euro", klingt gut, ist aber verdammt wenig und das auch nicht einmal vor Pfändung oder Anrechnung auf ALG2-Leistungen sicher. Da sollte man schon wissen, dass die durchschnittliche Rentendauer 21 Jahre beträgt.
    Abgesehen davon, dass eine Immobilie auch erst mal versilbert werden muss, reicht ein Kapital von 250.000 € (das rund 60 % aller Selbstständigen gar nicht haben) gerade einmal, sich über 21 Jahre monatlich 1.000 € auszuzahlen. Das heißt umgekehrt: Nur 40 % der Selbstständigen (unter Solo-Selbstständigen noch weniger) haben überhaupt die Mittel sich unter Kapitalverzehr wenigstens eine bescheidene "Rente" für die Dauer des durchschnittlichen Rentenbezugs zu gönnen.
    Wer überschlägig einmal Berechnungen zur eigenen Vorsorge mit anderen Geldwerten, Zins- und Inflationsraten anstellen will, findet dazu praktische Standardberechnungen:
    • Vier Excel-Rechenblätter im Vorsorgerechner der Stiftung Warentest mit verschiedenen Fragestellungen und Szenarien.
    • Etwas unflexibler und nur einkommensbezogen, dafür aber extrem einfach zu bedienen ist der Rentenlückenrechner der Deutsche Institut für Altersvorsorge GmbH (also dem Wissenschaftslobbyinstitut für Privatvorsorge das von Banken und Versicherungen unterhalten wird).
  • Zum Zweiten ist die gesetzliche Rentenversicherung gar keine Geldanlage, sondern eine Versicherung. Das ist ein wichtiger Unterschied: Zum Umfang der solidarischen Versicherung gehört beispielsweise, dass sie bei schweren Erkrankungen auch die Reha-Aufenthalte und -Behandlungen zahlt. Egal, wie hoch die Kosten und der Beitrag sind. Und für den Verdienstausfall während solcher Zeiten gibt es auch noch Ersatz: das "Übergangsgeld". Bezahlt wird das alles von der "Deutsche Rentenversicherung Bund". Anders als bei einer Immobilie oder Kapitalanlage werden die Auszahlungen einer Versicherung nicht durch Substanzentnahmen finanziert und brauchen sich nicht auf.
  • Auch die Möglichkeit, eine Erwerbsunfähigkeitsrente – also Zahlungen schon vor dem "Fälligkeitstermin" – zu bekommen, gibt es nur bei der Rentenversicherung, nicht bei Geldanlagen. Zwar kann (und sollte) eine Berufsunfähigkeit auch noch mit einer gesonderten privaten Versicherung finanziell abgefedert werden, aber nur wenn bei Vergleichen zwischen Privatvorsorge und der gesetzlichen Rente alle Sicherungen und die Sicherheit der Anlage eingerechnet werden, stimmt der Vergleich, bei dem die Gesetzliche regelmäßig weit besser abschneidet, allein weil dort hohe Provisionen und Abschlusskosten ein Fremdwort sind.
  • Apropos Sicherheit der Anlage: Zum Teil sind selbst Wertanlagen, vollständig jedoch alle Geldanlagen der wirtschaftlichen Entwicklung und damit sämtlichen Finanzkrisen unterworfen. In diesem Land leben immer noch Menschen, die in ihrem Leben schon fast vollständige Geldentwertungen miterlebt haben. Nach der Weltwirtschaftskrise in den Zwanziger Jahren und nach der Währungsreform 1948 waren Geldanlagen, Sparvermögen und Bargeld auf einen Schlag so gut wie wertlos. Wer darauf als Altersvorsorge gesetzt hatte, stand plötzlich ohne alles da. Die Rentenversicherung jedoch zahlte weiter.
  • Und wer sogar die Chance hat, vom Arbeitgeber oder durch eine Auftraggeberbeteiligung, wie sie zurzeit nur über die Künstlersozialkasse realisiert ist, die Hälfte der Vorsorgebeiträge für die gesetzliche Rente als Zuschuss zu bekommen, erzielt mit den Eigenbeiträgen ein sehr, sehr deutlich höheres Vorsorgeniveau, als dies mit gleich hohen Einzahlungen in eine private Lebensversicherung möglich ist. Und das war auch schon vor schon vor der Finanzkrise und der Null- und Minuszinspolitik der Europäischen Zentralbank so. Wer sich über die mögliche Rente im gesetzlichen System informieren will, kann einmal die DRV-Rentenrechner oder auch den Rentenschätzer des Portals 'ihre-vorsorge' nutzen.

Das heutige, durchaus im Detail renovierungsbedürftige System hat als Umlagesystem unschlagbare Vorteile, die sich insbesondere bei einer Geldentwertung bemerkbar machen: Mit den aktuellen Beiträgen wird gar nicht die eigene Rente finanziert, sondern die der Eltern und Großeltern. So funktioniert nun mal der "Generationenvertrag". Wer gegen eine allgemeine Altersvorsorge ist, in die alle Erwerbstätigen einzahlen müssen, oder sich mit Tricks einer bereits bestehenden Rentenversicherungspflicht entzieht, lehnt in Wirklichkeit die Mitverantwortung für den Lebensabend der heute Alten ab.

Und das ist zweifellos ein Konstruktionsfehler der heute nur selektiven Rentenversicherungspflicht: dass sich allzuviele der gemeinsamen Verantwortung entziehen können und die Finanzierung der gesetzlichen Renten anderen überlassen. Andere Länder haben ihre soziale Sicherung viel einfacher und gerechter gestrickt, in Deutschland steht da noch ein Umbau an. Für eine Umstellung der Rentenversicherung auf ein wirkliches Solidarsystem, an dem sich alle beteiligen, gibt es fundierte Modelle. Hier ist mindestens eine Versicherung fällig, in die alle Erwerbstätigen einzahlen. Da genügt es nicht – wie aktuell geplant –, alle Selbstständigen zur Vorsorge zu verpflichten. Erst wenn die gemeinsam mit allen anderen in einem einzigen System füreinander einstehen – auch Beamte, Abgeordnete, Landwirte und berufsständisch Versicherte – und staatliche Leistungen nicht über die gesetzliche Rente, sondern über das Steueraufkommen laufen, können wir von einem solidarischen, gesamtgesellschaftlichen System sprechen.

Natürlich kann man über das Ziel der einheitlichen Altersvorsorge, über Zeitschinen, Grundeinkommensmodelle und viele Details lange und heftig diskutieren. Aber eben auch über Fragen wie die Beteiligung von Auftraggebern und Vermittlungsplattformen an einer solidarischen Versicherung. Nur geht es in diesem Ratgeber ja nicht um theoretische Modelle und Probleme, sondern um die praktische Frage: Gibt es heute eine bessere, langfristig sichere Möglichkeit der eigenen Alterssicherung als die gesetzliche Rentenversicherung? Bei genauem Hinsehen: Nein.

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